"Es ist ein großer Fortschritt, dass Umweltpolitik heute im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit ein politisches Kernthema ist."

Bundesumweltminister
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EXPERTENSTATEMENT

„Umweltschutz ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

Prof. Dr. Udo Kuckartz Prof Dr. Udo Kuckartz ist Professor für Empirische Erziehungswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören neben der computergestützen Analyse qualitativer Verfahren insbesondere die Bereiche Umweltbewusstsein und Umweltbildung. (Foto: privat)

Wie hat sich das Umweltbewusstsein in Deutschland entwickelt? Diese und weitere Fragen beantwortet Prof. Dr. Udo Kuckartz, der für die Bundesregierung mehrfach erforscht hat, wie grün das Denken der Bundesbürger ist und ob ihr Verhalten auch ihren eigenen Einstellungen entspricht.

Aus dem Interview mit Prof. Dr. Udo Kuckartz:

 

Wie umweltbewusst sind die Deutschen?

Wir haben eine starke Sensibilität für Umweltthemen, einen hohen Grad an Umweltwissen – und sind insgesamt sehr positiv eingestellt. Das hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Bei der Handlungsbereitschaft sieht es im internationalen Vergleich nicht ganz so gut aus.

Wie hat sich das deutsche Umweltbewusstsein seit 1986 entwickelt?

Es ist heute viel ausgeprägter als vor 25 Jahren. Denn inzwischen hat Umwelt als Langzeitthema gewonnen und erfasst alle Bereiche der Gesellschaft. Diese Entwicklung ist erstaunlich und hat das generelle Umweltbewusstsein sehr vorangetrieben.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Es fing damit an, dass nach Tschernobyl alle Parteien Umweltinhalte in ihre Programme aufgenommen haben. Und auch die Unternehmen fingen an, sich dem Thema zu öffnen: mit der betrieblichen Umweltberichterstattung, Auditing und dergleichen. Das wurde und wird teils als Greenwashing belächelt, hat aber mit dazu geführt, dass Umweltschutz und -politik zu Massenthemen geworden sind.

Ganz konkret: Was waren die wichtigsten Wegmarken?

Im Zuge von Tschernobyl gelangte das Umweltthema erstmals auf Platz eins der tagespolitischen Agenda. Bis Ende der 80er-Jahre blieb es an der Spitze, doch dann kam der Fall der Mauer, der die Aufmerksamkeit auf ganz andere Fragen lenkte. Umweltschutz war als Thema im Sinkflug – und 1998 am Boden angekommen. Es kehrte zurück, als Rot-Grün den Atomausstieg anging – woran man sieht, dass die Atomkraft auf das Umweltbewusstsein in Deutschland eine besondere Auswirkung hat. Was man aktuell wieder sieht! Nach 1998 blieb die Thematik auf der Agenda, ein weiterer Schub kam mit der Klimadebatte ab 2006/2007.

Sie betonen die Rolle der Atompolitik. Steuert sie also indirekt das Umweltbewusstsein?

Nein, keinesfalls allein. Andere Themen spielen auch eine wichtige Rolle. Denken wir an das Waldsterben in den 80er-Jahren. Große Themen wurden in den 90er-Jahren Recycling und Mülltrennung. Dann kamen die erneuerbaren Energien, zu denen die Deutschen ein sehr positives Verhältnis haben. In dieser Aufzählung geht es übrigens immer um die Tagespolitik. Es gibt noch eine andere wichtige Ebene!

Woran denken Sie da?

Es gab Zeiten wie etwa um 2004, als Blätter wie „Die Zeit“ titelten: „Umwelt ist out“. Ich habe immer darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse der Studien das Gegenteil besagten. Umweltschutz war tagespolitisch und medial zwar nicht angesagt, latent war aber immer ein starkes Bewusstsein vorhanden. Das zeigten die Umfragen: Je weiter in die Zukunft die Bürger blickten – und gefragt wurden, welche Fragestellungen in 20 Jahren aktuell sein werden –, desto wichtiger war für sie die Umwelt. Das ist für mich entscheidend: Das Thema ist auf einer grundlegenden Ebene in der Bevölkerung – und auch in der Führungsschicht – stark verankert. Es ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – viel stärker und bereits früher, als gemeinhin vermutet wird.

Die Bereitschaft zu grundlegenden Veränderungen ist also da. Es fehlt nur am nötigen Rahmen?

Bei diesem Beispiel sicher. Aber auch bei anderen Themen. Klar ist, dass das hierzulande vorhandene, hohe Umweltbewusstsein eine noch mutigere und weitreichendere Umweltpolitik erlaubt – und sogar fordert. Die Bürger würden mehr mittragen und befürworten, als man denkt.

 

Lesen Sie das ausführliche Interview mit Prof. Dr. Udo Kuckartz im PDF-Magazin – eine Sonderbeilage der Zeitschrift UMWELT zum Jubiläum des Bundesumweltministeriums.

Sie können auch ein kostenfreies Exemplar bestellen.

 

weitere Expertenstatements:

Prof. Dr. Martin Faulstich
 Prof. Dr. Claudia Kemfert
Dr. Karsten Sach

 

 

 

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